Verbandstag Gera 2016 - Landesverband der Lebensmittelkontrolleure Thüringen e.V.

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Verbandstag Gera 2016

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Der Landesverband Thüringen lädt Mitglieder und Gäste am 29. und 30. April 2016 zum Verbandstag nach Gera ein

Für den diesjährigen Verbandstag wählte der Vorstand nach Abstimmung mit den Mitgliedern die Otto-Dix-Stadt Gera als Veranstaltungsort aus. Sie ist nach Erfurt und Jena die drittgrößte Stadt im Freistaat.

Zu Beginn stand die Begehung des Biohofs Aga auf dem Programm. Wir wurden von der Betriebsleiterin Annette Böhm sowie dem ehemaligen Geschäftsführer der Lebenshilfe Bernd Koop sehr herzlich begrüßt. Mit viel Leidenschaft stellte Bernd Koop das Projekt, welches er liebevoll sein „Baby" nennt, vor. Seit der Baugenehmigung der hochmodernen Gewächshäuser nach holländischem Vorbild sind jetzt knapp 6 Jahre vergangen. Die ersten Gurken konnten seit dem 15.05.2011 geerntet werden. Nach massiven Rückschlägen in den ersten Jahren durch einen Wasserrohrbruch und einen Blattlausbefall sind nun die Erntezahlen stabil und entsprechen der im Voraus erstellten „Machbarkeitsstudie". In dieser Studie wurde durch einen externen Gutachter im Vorfeld geprüft, unter welchen Voraussetzungen das Projekt erfolgreich sein kann. Er prognostizierte, dass auf 10.000 m² wöchentlich sieben Tonnen Gemüse geerntet werden müssen, um wirtschaftlich arbeiten zu können.
Die konstante und stabile Ernte bildet die wirtschaftliche Grundlage für die Verwirklichung der Aufgabe, Menschen mit Handicap zu beschäftigen. 42 von ihnen gehen täglich auf dem Biohof ihrer Arbeit nach. Sie versorgen die Gurken- und Tomatenpflanzen, ernten und verpacken die Ware für den Endkunden. Dabei werden sie von insgesamt vier Gruppenleitern mit sonderpädagogischer Ausbildung unterstützt. Der zweite wichtige Aspekt des Projekts ist die so genannte Kreislaufwirtschaft unter den Gesichtspunkten der ökologischen Landwirtschaft. Das Ziel hierbei ist eine energetische Selbstversorgung, dessen Grundstein durch den Bau einer Biogasanlage, in welcher alle biologischen Abfälle verarbeitet werden, gelegt wurde. Mit einer Leistung von künftig 500 kW kann der Energiebedarf von vier Millionen Kilowattstunden nahezu gedeckt werden. Zum Gießen und Aufrechterhalten der Luftfeuchte wird fast ausschließlich Regenwasser genutzt, welches von den immensen Dachflächen der Gewächshäuser aufgefangen und in einem Rückhaltebecken gesammelt wird. Die Beleuchtung erfolgt ausschließlich mittels Tageslicht in Verbindung mit der ausgeklügelten Struktur des Gewächshausglases.
Wir staunten auch nicht schlecht, als uns beim Rundgang in den Hallen Wachteln über den Weg liefen. Annette Böhm erklärte uns, dass diese als natürliche Schädlingsbekämpfer arbeiten und Schmetterlingsraupen fressen. Die Population versorgt sich sozusagen autark, ist ein echter Hingucker und ausgesprochen nützlich. Wie viele Wachteln die Gewächshäuser bewohnen, kann allenfalls geschätzt werden. Auch andere Schädlinge werden biologisch bekämpft. So werden beispielsweise Schlupfwespen und Raubmilben eingesetzt oder Pilzerkrankungen mithilfe einer perfekt abgestimmten Klimaführung auf einem erträglichen Maß gehalten. Die Bestäubung der Tomaten wird durch Hummeln gewährleistet. Wer also glaubte, im Gewächshaus seien ausschließlich Pflanzen zu sehen, der wurde nun eines Besseren belehrt.
Das von Ende März bis Mitte Dezember geerntete Gemüse wird schließlich im eigenen Hofladen, Bio-Läden, über regionale Händler sowie über Dennree vermarktet. Das Sortiment wird durch verschiedene Handelswaren, insbesondere durch Eier vom benachbarten Bio-Bauern, ergänzt. Die Einnahmen kommen zu 100 % der Lebenshilfe zugute.
Wir waren davon begeistert, mit wieviel Herzblut und Engagement Bernd Koop, Annette Böhm und ihr Team ihrer Arbeit nachgehen. Dieser Besuch war mehr als eine klassische Betriebsbesichtigung. Wir konnten erleben, wie es Menschen gelingen kann, im Einklang mit der Natur, aber auch mit Menschen, welche auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, wirtschaftlich produzieren zu können.

Im Novotel Gera angekommen eröffnete die Vorsitzende Doris Blechschmidt die Tagung und begrüßte die Mitglieder und Gäste.
Die ersten Grußworte sprach Dr. Karin Schindler, Abteilungsleiterin der Abteilung 5 für Arbeitsschutz, Lebensmittel- und Veterinärüberwachung vom Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (TMASGFF). Sie übermittelte Grüße von der Ministerin Heike Werner, die leider nicht persönlich teilnehmen konnte. Neben den vielen kleinen und großen Schwerpunkten in der täglichen Arbeit des Lebensmittelkontrolleurs sieht sie immer noch den „Dauerbrenner Basishygiene" als zentrales Arbeitsfeld. Aber auch neue Aufgaben müssen erkannt und bearbeitet werden, wie zum Beispiel das „Food Fraud Network". Das Netzwerk des weltweiten Lebensmittelbetrugs fordert ein intensives Hand-in-Hand-Arbeiten aller Überwachungsbehörden sowie die Schaffung neuer zentraler Kontrolleinheiten, wie dies im TLV (Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz) mittels der zentralen Kontrolleinheiten Lebensmittelsicherheit und Veterinärüberwachung stetig aufgebaut wird.
Weiterhin steht derzeit im Ministerium die Frage nach den erforderlichen personellen Ressourcen im Focus. Zum einen stehen Entscheidungen zur Stärkung der Abteilung 4 „Lebensmitteluntersuchung" des TLV an, zum anderen wurde sie von der Ministerin beauftragt, einen Schlüssel für die Besetzung der Ämter mit Lebensmittelkontrolleuren zu erarbeiten.
Auch in Sachen aktueller Entwicklungen im Recht wurden die Teilnehmer durch Frau Dr. Schindler informiert. So berichtete sie über den Stand zu Änderungen im LFGB – insbesondere § 40 (1) - die überarbeitete Verordnung (EU) Nr. 882/2004, den Entwurf der Durchführungsverordnung zur LMIV sowie das neu in Kraft tretende Tabakerzeugnisgesetz.
Anschließend nahm sie sich Zeit, an den folgenden Fachvorträgen teilzunehmen.

DVM Toby Pintscher, 1. Vizepräsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte e.V., schilderte anschaulich auch die persönlichen Risiken in der Überwachungstätigkeit. Handgreiflichkeiten sowie verbale Übergriffe nehmen zu. Daher appellierte er dazu, diese stets zu melden, auch wenn sie im ersten Augenblick banal erscheinen mögen. Zudem würdigte Pintscher die Leistung aller Kollegen im Spagat zwischen Verbraucherschutz und den politischen Rahmenbedingungen.

Schließlich begrüßte Dr. Stephan Grimm, Amtsleiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes der Stadt Gera, alle Teilnehmer in der Stadt. Er betonte, wie wichtig die Arbeit der Lebensmittelkontrolleure ist, damit der Verbraucher auch künftig mit Genuss in sein Steak beißen kann.

Im Anschluss wurden die Teilnehmer in Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte informierte sich in den Fachvorträgen, während die andere Hälfte die Workshops besuchte. Am Samstagvormittag wurden die Gruppen dann getauscht. Dies hatte den großen Vorteil, dass sowohl in den Workshops als auch in den Vorträgen eine viel individuellere Schulung möglich war und mehr gezielte Fragen beantwortet werden konnten.

Die Workshops wurden von der BALVI GmbH, dem Fachverband Getränkeschankanlagen e.V. und der Halton Klimatechnik GmbH durchgeführt. Während man von den Referenten von BALVI noch einige Tipps und Kniffe zum Umgang mit „Balvi mobil" erhielt, konnte man sich anhand praxisnaher Schankanlagentechniken zeigen lassen, worauf es bei der Reinigung, Wartung und Pflege von Getränkeschankanlagen ankommt. Der Workshop der Firma Halton konzentrierte sich auf optimal dimensionierte Zu- und Abluftanlagen insbesondere in Großküchen. Erschreckend war die Prognose, dass die Lebenserwartung eines Kochs, der unter ungünstigem Raumklima arbeitet, bis zu zehn Jahre geringer ist als in der Vergleichsgruppe.

Dr. Ulrich Busch vom Bayrischen Landesamt für Lebensmittelsicherheit, Dr. Christine Walter, amtliche Tierärztin auf dem Berliner Großmarkt und Karsten Schmidt, passionierter Jäger und Fleischermeister begeisterten die Tagungsteilnehmer mit ihren Fachvorträgen.

Im vergangenen Jahr wurde von den Mitgliedern mehrfach der Wunsch geäußert, einen Beitrag zum Thema Allergenkennzeichnung ins Programm aufzunehmen. Hierfür konnten wir Dr. Ulrich Busch gewinnen. Auch wenn die LMIV bereits im Dezember 2014 in Kraft getreten ist, bestehen bezüglich der korrekten Kennzeichnung insbesondere bei der Abgabe loser Lebensmittel auch seitens der Überwachung noch einige Unsicherheiten. So war zum Teil nicht allen klar, dass durchaus Ausnahmen in der Kennzeichnungspflicht für Vereine und einmalige Veranstaltungen bestehen, was aus dem Erwägungsgrund 15 des Gesetzes nachzulesen ist. Ebenso war manch einem nicht bekannt, dass es nicht ausreicht, ein Lebensmittel als „glutenhaltig" zu kennzeichnen sondern die namentliche Nennung des Allergens (z.B. Weizen, Roggen, etc.) erforderlich ist. Für manch einen stellt sich tatsächlich die Frage, wie sich die Gewerbetreibenden durch diesen Gesetzesdschungel kämpfen sollen, wenn es sich selbst für uns als Fachleute als eine Herausforderung darstellt.

Frau Dr. Christine Walter stellte sich gleich zwei großen Themengebieten, welche im Kontrolleursalltag wahre Dauergäste sind. Zum einen sprach sie ganz ketzerisch über das Thema „Wegfrieren". Ist denn alles, was wir in den Tiefkühltruhen finden, tatsächlich nach den Maßgaben der Tiefkühlverordnung in frischem Zustand eingefroren worden? Oder nutzt der Gastwirt eventuelle auch die Tiefkühltruhe zur „Entsorgung"? Wie sieht es mit der Zweckbestimmung der eingefrorenen Lebensmittel aus – oder gar mit der Kennzeichnung? Wir hätten noch lange Praxisbeispiele diskutieren können, aber ein zweites Thema brannte ihr noch unter den Nägeln. Als Kontrolleurin einiger Dönerproduzenten steckt sie voll in der Materie der gesetzlichen Grundlagen der Fleischhygiene. Ebenso war sie in das Audit der FVO eingebunden, welche im vergangenen Jahr die Anwendbarkeit der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 in der Praxis der Lebensmittelkontrolle überprüften. Auch in diesem Themenbereich rechte der Zeitrahmen nicht aus, alle aufkommenden Fragen zu beantworten. Wir hoffen, dass wir dies in einer der nächsten Tagungen noch einmal anvisieren können.

Über seine Praxiserfahrungen in der Wildbrethygiene berichtete Karsten Schmidt. Er betreibt einen Jagd- und Wildservice und ist selbst Fleischermeister. Als passionierter Jäger ist sein anspruchsvolles Ziel, die Kollegen dahingehend zu sensibilisieren, das geschossene Wild als Lebensmittel zu sehen und entsprechend damit umzugehen. Er prangerte an, dass oftmals das erforderliche hygienische Bewusstsein fehlt und die Jagd eher als Sport statt als Nahrungsbeschaffung gesehen wird. Wichtig ist ihm auch der nötige Respekt vor dem Leben. „Das Töten von Tieren muss einen Sinn haben, nämlich die Erzeugung von Lebensmitteln." Der Vortrag wurde durch Fotos abgerundet, welche er von Wildbret anfertigte, das zum Kauf angeboten wurde. Er appellierte an eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Jägern und der Lebensmittelüberwachung.

Im Anschluss an den Fortbildungsteil am Freitag folgte die Mitgliederversammlung. Armin Wenge, Geschäftsführer der delphi Lebensmittelsicherheit GmbH aus Köln und Vorsitzender des BVLK-Hygieneforums nutzte die Gelegenheit, für die Internationale Arbeitstagung am 07./08.09.2016 in Berlin zu werben.
Ronny Georgi – zum Delegiertentag frisch als Beauftragter des BVLK gewählt - übermittelte Grüße von der Vorsitzenden des Bundesverbandes Anja Tittes, die leider an diesem Wochenende anderen Verpflichtungen nachgehen musste. Er dankte dem Vorstand auch in ihrem Namen für die gute Zusammenarbeit und die fachlichen Stellungnahmen.
Doris Blechschmidt empfing fünf neue Mitglieder mit einem kleinen Präsent. Im Rechenschaftsbericht fasste sie die Tätigkeiten des Vorstands im vergangenen Geschäftsjahr in einer kleinen Präsentation zusammen. Anschließend stellte der Kassierer Denny Weber den Kassenbericht vor. Die Kassenprüfer Marlis Böttner und Michael Sittig bestätigten die korrekte Abrechnung und entlasteten den Vorstand.
Doris Blechschmidt informierte die Mitglieder über den Beschluss des Bundesvorstands zum Thema „Tarifgespräche".
Die alljährliche Frage nach dem Tagungsort für das kommende Jahr konnte schnell geklärt werden. Die Kollegen des Kyffhäuserkreises boten an, den nächsten Verbandstag in Bad Frankenhausen durchzuführen. Dies wurde von den Mitgliedern mit Applaus begrüßt. Auch die Suhler Kollegen hätten gerne die Ausrichtung übernommen. Wir hoffen nun, dass sie ihr Angebot noch ein Jahr konservieren können!

Zahlreiche Rückmeldungen und der vom Großteil der Teilnehmer ausgefüllte Feedback – Fragebogen zeigten, dass wir in Gera eine gelungene Veranstaltung mit vielen interessanten Vorträgen und Fachgesprächen erfahren durften. Für die Zukunft stellen wir fest: wir brauchen noch mehr Zeit für individuelle Fragestellungen!


Daniela Opitz
Schriftführerin
Landesverband der Lebensmittelkontrolleure Thüringen e.V.





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