Verbandstag 2017 - Landesverband der Lebensmittelkontrolleure Thüringen e.V.

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Verbandstag 2017

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Kyffhäuserkreis - Bad Frankenhausen

Verbandstag in Bad Frankenhausen im Kyffhäuserkreis

Die 27. Verbandstagung des Landesverbandes der Lebensmittelkontrolleure Thüringen e.V. fand in diesem Jahr vom 24.-25. März 2017 im Kyffhäuserkreis statt. Über 70 Lebensmittelkontrolleure und zahlreiche Gäste fanden den Weg zu uns. Mit großer Unterstützung des Landratsamtes und der Stadt Bad Frankenhausen war es möglich, die Zweifeldhalle in einen tollen Tagungs- und Ausstellungsort zu verwandeln.

Wir starteten unsere Tagung in der Apparate- und Behältertechnik GmbH in Heldrungen. Nachdem unsere Vorsitzende Doris Blechschmidt die Tagungsteilnehmer begrüßt hatte, erhielten wir vom Geschäftsführer Wito Gocht einen Einblick in die Tätigkeit des Betriebes, welcher Edelstahltanks unter anderem für den Lebensmittelbereich nach Maß herstellt und sich stolz als Marktführer in Deutschland präsentiert. Der hohe Standard, den der Betrieb setzt, überzeugt Kunden in der ganzen Welt. Fragen nach Chargenrückverfolgbarkeit bis zum kleinsten Bauteil sowie Produktkonformitäten stellen Selbstverständlichkeiten dar. Uns als Lebensmittelkontrolleure hat auch der interne Test der integrierten Reinigungstechnologie überzeugt, den jeder gefertigte Behälter durchläuft. Dabei werden diese mit einer Testsubstanz „verunreinigt“, um zu prüfen, dass nach der CIP-Reinigung (CIP = „Cleaning in Place“) alle Rückstände beseitigt sind. Die Führung erfolgte in vier Gruppen, sodass eine gute Verständigung und individuelle Erklärungen möglich waren.

„Wir haben nicht den Anspruch, günstig zu sein. Wir haben den Anspruch, gut zu sein.“
(Betriebsleiter Christian Kablitz, Apparate- und Behältertechnik Heldrungen GmbH)

Am Tagungsort wurde anschließend die Fachmesse mit namhaften Ausstellern eröffnet. Die vielseitigen Gespräche unter Kollegen und mit den Vertretern aus den verschiedenen Bereichen war wie immer eine gute Möglichkeit, Fachwissen auszutauschen und zu erweitern.

Mit dem offiziellen Beginn richteten einige Gäste ihre Grußworte an die Tagungsteilnehmer. Herr Volker Stietzel – Leiter der Inneren Verwaltung des Landkreises – gab eine recht lockere Einstimmung, indem er uns den „Nussschüsselblues“ von „die feisten“ vorspielte, welches uns Kontrolleure zum Schmunzeln brachte und wunderbar zum Thema der Veranstaltung passte.

Nach der Begrüßung durch die Vorsitzende des Landesverbandes Doris Blechschmidt folgten die Grußworte. Die Redner würdigten die Arbeit der Lebensmittelkontrolleure und ihre wichtige Tätigkeit im Rahmen des Verbraucherschutzes. Insbesondere die Landrätin Antje Hochwind verwies darauf, dass die Arbeit des Lebensmittelkontrolleurs einen wichtigen Baustein im Verbraucherschutz darstellt. Ihr ist bewusst, dass es nicht immer ein Zuckerschlecken ist, da man bekanntermaßen nicht immer willkommen ist. Daher sieht sie es als unerlässlich, dass wir immer gut vorbereitet sind und alle Vorschriften gut kennen. Sie sieht den Lebensmittelkontrolleur aber auch zunehmend als Partner und Berater.

Bürgermeister Matthias Strejc warb für seine Stadt Bad Frankenhausen mit ihren kulturellen Angeboten und ihren Möglichkeiten der gesundheitlichen Rehabilitation.
Der Amtsleiter Dr. Gunter Wolf berichtete davon, dass wir uns mit Bad Frankenhausen für einen historischen Ort entschieden hatten, denn hier wurde 1888 erstmals der lebensmittelbedingte Ausbruch einer Salmonellose durch Prof. A. Gärtner aus Jena beschrieben. Er machte jedoch auch auf aktuelle Themen in der Lebensmittelüberwachung aufmerksam, wie zum Beispiel die Nährwertkennzeichnung in kleinen Betrieben sowie die oftmals nicht ausreichend effektive Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften.

Der Präsident des Landesamtes für Verbraucherschutz in Bad Langensalza Detlef Wendt folgte Dr. Gunter Wolf in seinen Exkursionen in die Vergangenheit und fand heraus, dass nicht nur der Ort, sondern auch das Datum der Tagung historisch waren: Genau vor 135 Jahren stellte Robert Koch seine Forschungsergebnisse zur Entdeckung des Tuberkel-Bacillus vor. Zudem lobte er die solide Ausbildung der Lebensmittelkontrolleure sowie ihre hohe Wertigkeit und Bedeutung auch im europäischen Kontext. Er ist davon überzeugt, dass auch die Lebensmittelüberwachung globaler vernetzt werden muss und sich die Strukturen an die Erfordernisse anpassen müssen. Dr. Karin Schindler vom Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie musste sich leider erkrankungsbedingt entschuldigen lassen.

Für die Fachvorträge konnten wir fünf hervorragende Referenten gewinnen. Den Anfang machte Torsten Hoffmann, welcher als Amtsanwalt in Berlin arbeitet und zudem den in Ausbildung befindlichen Lebensmittelkontrolleuren an der Verwaltungsakademie Berlin Einblicke in das Straf- und Ordnungswidrigkeiten-Recht gab. In Berlin ist eine spezialisierte Fachabteilung mit acht Amtsanwälten vorhanden. Auch die Richter sind primär für Wirtschafts- und Lebensmittelrecht zuständig. Für seinen Vortrag „Erstellen von Strafanzeigen – Praxisbeispiele“ hat er drei ihm im Vorfeld anonymisiert zugeleitete Fälle unter die Lupe genommen, bei denen die zuständigen Kontrolleure die richterlichen Entscheidungen nicht nachvollziehen konnten. Durch sein geübtes Reduzieren der Fälle auf die eigentlichen Straftatbestände und das Fokussieren auf die Fakten konnten wir nun besser nachvollziehen, wie die festgestellten Mängel im Gericht beleuchtet werden. Zudem gab er uns sehr gute allgemeingültige Überblicke, zum Beispiel über die Frage nach Schuld, Fahrlässigkeit bzw. Vorsatz sowie wichtige Grundsätze beim Verfassen von Strafanzeigen. Er zeigte auch häufige Fehler durch Lebensmittelkontrolleure auf, die dazu führen können, dass Strafen nicht geahndet werden können, wie beispielsweise ein vorzeitiges Aussprechen einer Verwarnung mit Verwarngeld, keine Benennung der anwesenden Zeugen oder eine ungenügende Darlegung der Kausalitäten und Vorverfahren. Eine gute und detaillierte Dokumentation der Aussagen von Zeugen und Beschuldigten in Form von Aktenvermerken kann bei der Rechtsprechung hilfreich sein. Zudem gab er noch den Hinweis, manche Unterlassungsdelikte des Betreibers mittels § 130 OWiG (Verletzung der Aufsichtspflicht) zu ahnden.

Professor Dr. Dietrich Mäde sprach im Anschluss über die Problematik von Viren in Lebensmitteln. Seine Hypothese war, dass die größten Ausbrüche durch Viren hervorgerufen werden, oft aber aufgrund der schwierigen Diagnostik nicht spezifiziert werden. Der in Deutschland größte beschriebene lebensmittelbedingte Krankheitsausbruch wurde durch Noroviren in Erdbeeren aus China ausgelöst. Er beklagte, dass Lebensmittel viel zu selten dahingehend untersucht werden. Essentiell ist der Schutz der Lebensmittel vor fäkaler Verunreinigung, vor Erbrochenem und Aerosolen. In besagten Erdbeeren wurden acht verschiedene Noroviren festgestellt, sodass von einer fäkalen Verunreinigung ausgegangen werden muss. Professor Dr. Mäde berichtete von seiner Beteiligung bei FVO-Audits unter anderem in China und Marokko. Insbesondere die Fotos der Felder in China machten klar, dass fäkale Verunreinigungen von Früchten und Gemüse dieser Herkunft nicht verwunderlich, sondern eine unter diesen Umständen unvermeidbare Folge sind. Kein Verarbeiter hat das Risiko der viralen Kontamination in das betriebseigene HACCP-Konzept aufgenommen. Art und Häufigkeit der Probenahmen sind stark verbesserungsfähig. Dabei sind Viren gut mittels trockener Tupfer, welche vor der Probenahme befeuchtet werden, nachweisbar. Als Entnahmeorte eignen sich alle Gegenstände, welche mit den Händen berührt werden (Lichtschalter, Türklinken, Telefone, Waagen,…). Viren leben so lange auf Oberflächen, bis sie weggewischt oder wegdesinfiziert werden. Er verwies allerdings auch auf die Problematik der zum Teil unzureichenden Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln gegen Viren.

„Wir werden Ausbrüche sehen, deren Erreger wir noch gar nicht im Focus haben.“ (Professor Dr. Dietrich Mäde zum Schlagwort Globalisierung)

Am Abend referierte der Fachdienstleiter vom Fachdienst Veterinärwesen, Lebensmittelüberwachung und Verbraucherschutz Groß-Gerau Dr. Christian Schulze. Die Übertragung von Antibiotikaresistenzen über Lebensmittel - Ein Fallbericht aus einem südhessischen Klinikum (2013/2014) verschaffte uns Einblicke über die Schwierigkeiten der Ermittlungsarbeit in einer augenscheinlich baulich und hygienisch einwandfreien Küche. Wir waren beeindruckt von der guten Zusammenarbeit zwischen dem Landeslabor und dem zuständigen Veterinäramt – immerhin mussten kurzfristig 201 Proben untersucht werden, davon 134 Rückstellproben. Die restlichen Proben setzten sich aus Kratzschwämmen, Sockentupfern und Luftkeimproben zusammen. Zwei Rückstellproben (Pudding, Nudelsalat) wurden positiv getestet. Für die Analytik der multiresistenten gramnegativen Stäbchenbakterien wurde sozusagen im Eilverfahren eine neue Methodik im Labor implementiert, denn es gab noch kein festgeschriebenes Verfahren. Die Problematik wird in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen, denn erst seit 1996 wurden multiresistente Keime in New Yorker Krankenhäusern und seit 2008 in Deutschland beschrieben. Als wahrscheinliche Kontaminationsquelle beim Fall im Klinikum Fulda wurde der Fettabscheider in der Küche ermittelt. Über die Belüftung hatte dieser einen direkten Zugang zur Ablufthaube. Aerosole, die aus der Ablufthaube austraten, befeuchteten die Oberflächen der Arbeitsflächen und Gegenstände (z.B. Rührschüssel für Pudding). Eine weitere Schwierigkeit der Arbeit der Kollegen war die lebensmittelrechtliche Beurteilung. Zur gesundheitlichen Bedeutung multiresistenter Keime in Lebensmitteln existiert noch wenig fundamentiertes Datenmaterial. Meist kommt es bei der oralen Aufnahme maximal zu symptomfreien Kolonialisierungen. Die Lebensmittel wurden trotzdem als nicht sicher eingestuft, da es sich im Krankenhaus um besonders sensible Personengruppen handelt. Trotz der Einleitung vielfältiger Maßnahmen in der Küche (Einbau eines Rückschlagventils in die Belüftungsanlage, Umstellen der Desinfektionsmittel, Anpassung von HACCP und Eigenkontrollkonzept,…) und dem anschließenden Rückgang der Fallzahlen ist in der Küche immer noch kein „normaler Betrieb“ aufgenommen worden. Bis heute – mehr als drei Jahre nach dem Vorfall - werden ausschließlich durcherhitzte Speisen angeboten.

In unserer Mitgliederversammlung verlas Doris Blechschmidt unseren Rechenschaftsbericht und gab den Mitgliedern Informationen vom Bundesverband weiter. Nach dem Kassenbericht durch Denny Weber entlasteten die Kassenprüfer den Vorstand. Die Mitglieder erhielten einen kurzen Ausblick auf 2018. Unseren Verbandstag werden wir in Suhl durchführen. Dort stehen dann bereits wieder Wahlen an.

Nach einem weiteren Besuch der Fachmesse am Samstag wurde erneut das Thema der multiresistenten Erreger durch Dr. Christiane Cuny aufgegriffen. Sie arbeitet für das Robert-Koch-Institut in der Außenstelle Wernigerode. In ihrem Thema „Verbreitungswege von multiresistenten Erregern vom Tier zum Menschen“ beschrieb sie insbesondere ihre Forschungen bezüglich der Kolonisation multiresistenter Erreger bei verschiedenen Tier- und Personengruppen. Durch einen Verlust der Wirtsspezifität sowie der Nähe zwischen Tier und Mensch kommt es zunehmend zum bedingten Übergang der Erreger vom Tier zum Mensch. Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast aus dem Aus- und Inland, welche seit dem 01.01.2006 als Leistungsförderer verboten, aber trotzdem häufig nach klinischer Indikation im Einsatz sind, fördern zudem die Ausbreitung. Dr. Cuny führte aus, dass laut EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) und BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) 40-60% der Schweine in Deutschland asymptomatisch kolonisiert sind. Sie fand heraus, dass 77-86% der Schweinehalter und 45% der Schweineveterinäre in Deutschland ebenfalls kolonisiert sind, wobei im Vergleich nur 1,5% der Allgemeinbevölkerung betroffen ist. Zudem untersuchte sie mit ihrem Team unter anderem das Auftreten von Staphylococcus aureus im Auftauwasser von Mastgeflügel. Bei 32,5% der Proben waren MRSA-Keime ohne Anreicherung, bei weiteren 12,5% mit Anreicherung nachweisbar. Dies ist damit zu erklären, dass die MRSA-Keime insbesondere bei Geflügel bei der Schlachtung verschleppt werden und daraus die hohe Belastung des Fleisches resultiert.
Die gute Nachricht ist allerdings, dass es bisher keine Hinweise darauf gibt, dass eine menschliche Infektion auf den Kontakt oder den Verzehr von MRSA - belasteten Lebensmitteln zurückzuführen ist. Zum Schutz unserer Gesundheit ist es trotzdem erforderlich, die Ausbreitung so weit wie möglich zu reduzieren. Eine hohe Sensibilität an die Einhaltung der Maßnahmen zur Tiergesundheit, Arbeits- und Küchenhygiene sowie die Einführung flächendeckender Rückstandskontrollen einschließlich der Festlegung von Grenzwerten sind hierbei essentiell.

„One world – one health“ (Dr. Christiane Cuny, RKI Wernigerode)

Frau Dr. Cuny gab uns zudem die Gelegenheit, selbst einen Test auf Kolonisation mit MRSA-Erregern durchzuführen. Dafür stellte sie uns Tupfer zum Abstrich der Nasenschleimhaut zur Verfügung. Alle Probanden erhielten anschließend ihr Ergebnis nach Hause gesandt.

Zum Abschluss unseres sehr intensiven Verbandstages bekamen wir von Dr. Hasan Taschan einen Überblick über die Nährwertkennzeichnung gemäß der Lebensmittelinformationsverordnung. Er arbeitete viele Jahre als Chemiedirektor des Hessischen Landeslabors und ist auch noch heute im Ruhestand aktiv in die Arbeit der (Fach-) Hochschulen Gießen und Fulda eingebunden. Er betreut dort zum Beispiel Bachelor-Arbeiten und hält Vorträge vor Studenten. Taschan kritisiert, dass die Verordnung so kompliziert ist, dass man einen Fachmann benötigt, um die Nährwerte errechnen zu können. Die Analytik ist mit circa 500 € für die BIG 7 sehr teuer und für eine handwerkliches Unternehmen praktisch nicht bezahlbar. Wie der Gesetzgeber die handwerklich hergestellten kleinen Mengen definiert wissen will, ist immer noch nicht geklärt. Zudem ergeben sich auch bei einer analytischen Ermittlung eines Produktes natürliche Schwankungen. Auch ein Beisatz „Bei den angegebenen Werten handelt es sich um Durchschnittswerte“ impliziert eigentlich, dass mehrere Analysen vorgenommen wurden und der Durchschnitt ermittelt wurde. Besser wäre also ein Hinweis auf natürliche Schwankungen. Fraglich sieht er auch eine Berechnung von Nährwerten nach Tabellenwerten, da technologische Veränderungen der Rohstoffe auch Einfluss auf die Nährwerte haben. Für kleine Unternehmen mit einem breiten Produktspektrum scheint diese Methode jedoch alternativlos zu sein. Es stellt sich dann jedoch die Frage, ob eine Irreführung vorliegt, wenn die Nährwertkennzeichnung korrekt nach Tabellen vorgenommen wurde, aber die angegebenen Werte von den analytisch ermittelten Werten abweichen. Weiteres wird wie so oft erst im Laufe der Jahre vor Gericht entschieden werden.

Nach dem offiziellen Ende der Fortbildungsveranstaltung konnten Interessierte noch bei frühlingshaftem Wetter das Panorama-Museum in Bad Frankenhausen besuchen.

Ein besonderer Dank richtet sich an alle fleißigen Helfer und die Mitwirkenden, welche diese Tagung zu einem vollen Erfolg werden ließen.


Daniela Opitz
Schriftführerin

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